Der Tröckneturm im Westen der Stadt St.Gallen ist ein markanter Bau aus der Blütezeit der Ostschweizer Textilindustrie. Erbaut wurde er von Johann Jacob Täschler (1786-1830). Täschler hatte dem Kanton 1825 das sogenannte «Burggut»abgekauft. Dabei handelte es sich um ein weitläufiges Gebiet mit verschiedenen Gebäuden, darunter der Burg Waldegg aus dem Jahr 1425. Auch Remisen, Ställe und über 20 Jucharten Ackerland sowie zahlreiche Obstbäume gehörten dazu; weiter floss ein Bach durch das Gut, der mehrere Weiher – die Burgweiher – mit Wasser speiste.
Der Tröckneturm St.Gallen und seine Geschichte: eine Reise durch die Zeit
Die «weitläufige Rotfärberei» von Johann Jacob Källi-Wild in Mettendorf bei Gossau, welche 1823 «ihre ersten, sehr gelungenen Fabrikate» lieferte, trug wesentlich dazu bei, dass die Rotfärberei auch in anderen Gebieten des Kantons St. Gallen Verbreitung fand.
1829 baute ein St.Galler Bürger «eine neue Rotfärberei an der Goldach», die ein Jahr später «ihre, ersten befriedigenden Proben» lieferte. Peter Ehrenzeller bemerkt im Jahrbuch der Stadt St.Gallen von 1830, «die Vermehrung dieser zur Veredlung des rohen Stoffes bestimmten Etablissements» habe sich vorteilhaft auf den Manufakturhandel ausgewirkt.
1828 – Der Bau des Tröckneturms
Täschler richtete auf diesem Gelände eine Garn- oder Rotfärberei ein. 1828 liess er einen 25 Meter hohen Turm – den Tröckneturm – errichten, um dort, aufgehängt in luftiger Höhe, die gefärbten Stoffbahnen zu trocknen.
Nach Täschlers Tod ging die Färberei an Josef Ignaz Merhart, der sie erweiterte. Einer seiner Nachfolger verlegte die Fabrik – dann als Bleicherei genutzt – um das Jahr 1900 ins Sittertal.
1926 – Der Turm als Begegnungs- und Ausstellungsort
1926 wurde das von Merhart errichtete Fabrikgebäude, das sich zwischen der Kapelle Maria Einsiedeln und dem Tröckneturm befunden hatte, abgebrochen. Einzig der Tröckneturm steht noch an seinem Platz. Er hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und präsentierte sich mehr und mehr in vernachlässigtem Zustand, bis ihm auf Initiative des Architekten Hans Jörg Schmid neues Leben eingehaucht wurde.
Im ersten und zweiten Stock befindet sich heute eine Ausstellung, die anhand von Bildern, Texten und Objekten Wissen über die St.Galler Textilgeschichte vermittelt. Der Turm kann an Führungen besucht werden. Im Erdgeschoss befindet sich ein Begegnungsraum, der für Veranstaltungen gemietet werden kann.
2019 – Das Burgweiherareal
Nebst dem Turm prägten schon früh auch die Burgweiher das weitläufige Areal. Die Weiher hatten ursprünglich als Quellwasser-Reservoir für die damalige Leinenproduktion sowie als Fischweiher gedient, später dann als Reservoir für die Veredelung von Baumwolltextilien.
Heute ist das Burgweiherareal mit seiner Fläche von etwa neun Hektaren das grösste zusammenhängende Grünareal innerhalb des Siedlungsgebietes der Stadt St.Gallen. Die Umgebung von Turm und Weihern wurde von der Stadt 2019 erworben und zu einem malerischen, weitläufigen Park mit Spazierwegen und Sitzbänken umgestaltet und für die Öffentlichkeit geöffnet.
2023 – Der Tröckneturm als Trauungsort
Die Stadt hat nicht nur das Burgweiher-Areal aufgewertet, sondern auch eine neue Nutzung des Tröckneturms bewilligt: Seit dem 1. Januar 2023 können sich Hochzeitspaare ein- bis zweimal im Monat jeweils freitags im Tröckneturm trauen lassen. Der stimmungsvolle Raum, ausgestattet mit einem Cheminée, bietet Platz für rund 60 Personen und ist damit deutlich geräumiger als die beiden anderen Traulokale in der Stadt St.Gallen, jenen im Rat- und im Stadthaus. Die Daten für Trauungen im Tröckneturm finden sich hier.
2024 – Renaturierung des Burgweierbachs
Das Stadtparlament St.Gallen hat grünes Licht für die Offenlegung des Burgweierbachs gegeben. Damit wird das Areal nicht nur ökologisch aufgewertet, sondern auch ein Stück Natur zurückgewonnen. Der Bach wird künftig wieder an der Oberfläche plätschern, begleitet von neuen Hecken, Bäumen und farbenfrohen Blumenwiesen. Zudem entstehen im Bachbett Lebensräume für Kleintiere. Ein neuer Fussgängersteg wird das Gebiet zugänglicher machen. Auch Altlasten werden beseitigt, sodass das Burgweierareal in neuem Glanz erstrahlen kann.
